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Forum Jugend und Mobilität

Am 14. Juni 2007 versammelten sich rund 100 Gäste aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Verwaltung und der Nahverkehrsbranche im Haus der Technik, um sich in dem von der Essener Verkehrs-AG initiierten, zweistündigen Forum über die Verkehrsicherheit von Kindern und Jugendlichen im Allgemeinen und insbesondere in Essen zu informieren.

Zur Einstimmung auf das Thema wurde zu Beginn der Verkehrssicherheitsspot der EVAG „Die Melone“ präsentiert, der eindrucksvoll belegt, wie das meist „kopflose“ Verhalten von Schulkindern an Bus- und Bahnhaltestellen zu verheerenden Situationen führen kann. Grund genug für Gastgeber und EVAG-Vorstand Dr. Horst Zierold in seiner Begrüßungsrede die Zielsetzung des Unternehmens hinsichtlich einer erhöhten Verkehrssicherheit zu betonen: Kein Unfall soll passieren! Daraufhin ließ Moderatorin Martina Eßer die Referenten zu Wort kommen. Den Anfang machte Andreas Köhne von der Essener Verkehrs-AG. Der betriebsinterne Leiter der Verkehrserziehung in Bus und Bahn stellte heraus, wie die EVAG das Thema Verkehrs- und Mobilitätserziehung bei Kindern und Jugendlichen umsetzt. Betriebsführungen, Bus- und-Bahn-Trainings und Theaterstücke sind neben der „Melone“ die Bausteine einer zielgerichteten Vermittlung von verkehrssicherem und ökologisch und sozial bewusstem Verhalten in und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Nicht zuletzt setzt Andreas Köhne auf eine kontinuierliche Begleitung der Kinder bis ins Jugendalter.

Prof. Dr. Maria Limbourg, Leiterin der Arbeitsgruppe Verkehr an der Universität Duisburg-Essen und zugleich wichtige Kooperations- und Ansprechpartnerin der EVAG im Bereich der Verkehrserziehung, machte in ihrem Redebeitrag deutlich, dass die Sicherheit von Kindern in Essen stark eingeschränkt ist. Die Übermacht des Autoverkehrs, die hohe Zahl verunglückter Kinder als Fußgänger, Radfahrer oder Mitfahrer im Auto und der damit einhergehende letzte Platz unserer Stadt in der Kinder-Unfallstatistik aller deutschen Großstädte sind Maria Limbourg zufolge deutliche Hinweise dafür, dass eine umfassende und verschiedene Institutionen und Gruppen einbeziehende Verkehrs- und Mobilitätserziehung unabdingbar ist. Die Eltern haben hierbei den Grundstein zu legen, indem sie durch Fußgänger- und Radfahrtrainings sowie Bus- und-Bahntrainings ihren Kindern die nötigen Verhaltensweisen im Straßenverkehr näher bringen. Darüber hinaus können bzw. müssen die Eltern durch entsprechende Vorkehrungen (Helm und Schutzkleidung beim Radfahren, Kindersicherung im Auto) ihren Kindern zusätzliche Sicherheit bieten. Darauf aufbauend kommen die verschiedenen Institutionen Essens, wie Schulen, Stadtverwaltung, Polizei oder EVAG ins Spiel. Diese müssen laut Maria Limbourg durch Zusammenarbeit und gezielte Maßnahmen einen Beitrag für eine erhöhte Verkehrssicherheit von Kindern leisten. Die Intensivierung der Verkehrs- und Mobilitätserziehung obliegt den Schulen, von der Stadtverwaltung erwartet sie eine kinderfreundliche Verkehrsraumgestaltung und Verkehrsregelung und der Polizei spricht sie die Aufgabe einer kindorientierten Verkehrsüberwachung und Verkehrserziehung zu. Das pädagogische Konzept der EVAG ist ebenfalls ein wichtiger Faktor im Rahmen der Verkehrssicherheit. Abschließend wies Limbourg darauf hin, dass alle Maßnahmen in Teilen wirkungslos sind, wenn die Autofahrer nicht mitspielen. Diese müssen durch ein entsprechendes Fahrverhalten dafür Sorge tragen, dass sich Kinder sicher im Straßenverkehr bewegen können.

Über die Mobilitätserziehung als gesellschaftliche Aufgabe referierte im Anschluss Dipl.-Ing. Evelin Unger-Azadi vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen des Landes Nordrhein-Westfalen (ILS NRW). Sie fasste die Ergebnisse einiger Studien des ILS zusammen. Dabei ging es vor allem um die so genannte Mobilitätskompetenz von Kindern und Jugendlichen, also die Fähigkeit, unterschiedliche Verkehrsmittel für die eigene Mobilität souverän, sicher und eigenständig zu nutzen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass der Straßenverkehr immer dichter und die Räume scheinbar immer enger werden, in denen Kinder weitgehend ungefährdet mobil sein können, ist zu fragen, auf welche Weise man jungen Menschen möglichst früh diese wichtige Fähigkeit vermitteln kann.

Evelin Unger-Azadi stellte kurz verschiedene Projekte z.B. aus der Primarstufe vor, die über die klassische Verkehrserziehung hinaus gehen und die zu guten Ergebnissen geführt haben:

  • Kinder-Stadtplan und Schulweg-Detektive: Kinder erstellen einen Plan mit ihren Mobilitätszielen und untersuchen die Wege dorthin auf mögliche Schwierigkeiten und Gefahren und leiten diesen an die Verantwortlichen der Stadt weiter
  • die verkehrspädagogischen Projekte der Verkehrsunternehmen, wie z.B. die Busschule der EVAG, in denen Kinder das richtige Verhalten in Bus und Bahn lernen
  • Tote-Winkel-Aktionen, in denen Kinder lernen, dass sie nicht von allen Verkehrsteilnehmern gleich gut gesehen werden
  • Tempomessungen vor Schulen und Kindergärten, die gemeinsam mit der Polizei durchgeführt werden.

Eher wenige Ansätze gibt es derzeit für weiterführende Schulen, wo spätestens bei der Sekundarstufe II nur noch wenige Projekte zur Mobilitätserziehung zu finden seien, so Evelin Unger-Azadi. Sie schlug vor, das Thema Mobilität im Fachunterricht fest zu integrieren, um eine gleichbleibende Aufmerksamkeit der Schüler zu erreichen, und sich nicht nur auf punktuelle, kurzfristige Projekte zu beschränken.

Kinder und Jugendliche sollten in jedem Fall in entsprechende Projekte mit eingebunden werden und dabei auch ernst genommen werden. Sie möchten mitentscheiden und mitgestalten. Vor allem sei wichtig, so Evelin Unger-Azadi, dass alle Maßnahmen langfristig angelegt und in eine umfassende Strategie eingebettet sein müssten, wenn sie Erfolg haben sollten. Kurzfristige Maßnahmen würden kaum zu messbaren Erfolgen führen.

Die anschließende Podiumsdiskussion brachte weitere interessante Punkte und Ansichten zu Tage, von denen an dieser Stelle einige aufgeführt werden.

Viele Eltern empfinden den Platz vor dem Fernseher als den für Kinder sichersten Platz in einer Großstadt. Das, so Jürgen Schroer, Leiter des Kinderbüros der Stadt Essen, sei eine weit verbreitete Meinung und findet selber, dass eine Stadt wie Essen durchaus eine kinderfreundliche Stadt und die negative Einstellung vieler Eltern nicht gerechtfertigt ist. Wahr ist aber auch, dass das Mobilitätsverhalten der Erwachsenen sehr ausgeprägt ist und in einigen Bereichen die Kinder und Jugendlichen verdrängt hat. So sei der Baldeneysee an bestimmten Zeiten eine praktisch kinderfreie Zone, weil die vielen erwachsenen Inline-Skater und Radfahrer den ohnehin engen Raum am See zu einer für spielende und tobende Kinder nicht ungefährlichen Zone machen.

Die Ziele der Stadt sind u.a. sowohl sicherheitsfördernde Maßnahmen wie Tempobeschränkungen in Siedlungen und Wohngebieten, allerdings braucht die Stadt auch leistungsfähige Hauptverkehrsstraßen, um etwa auch zu verhindern, dass sich Autofahrer Schleichwege suchen und letzten Endes doch Wohnstraßen zu Durchfahrtsstraßen werden. Es muss gelingen, die konkrete städtische Umgebung für Kinder wieder nutzbar und erlebbar zu machen, um der Entfremdung der Umwelt entgegenzuwirken, erklärte Jürgen Schroer.

Nils Hoffmann, Pressesprecher der EVAG, gab zu, dass Anfang der 90er-Jahre die Anstrengungen der EVAG in Sachen Verkehrserziehung auch zu einem großen Teil Imagewerbung waren. Allerdings habe sich das rasch gewandelt, Mobilitätsberatung und -erziehung ist mittlerweile ein bedeutender und fester Bestandteil des verkehrspädagogischen Konzeptes der EVAG. Zwar gibt es bei der EVAG in Sachen Erfolgskontrolle der gesamten Maßnahmen noch einiges zu tun, dennoch steht außer Frage, dass die sicherste Art der Fortbewegung bei Kindern und Jugendlichen Bus und Bahn sind: der Pkw der Eltern dagegen ist die gefährlichste. Allerdings ist in Essen die Infrastruktur auch deutlich auf den Pkw-Verkehr zugeschnitten, Fahrradfahrer hätten es in Essen nach wie vor deutlich schwerer, so Nils Hoffmann.

Von der Politik wünscht er sich eine konsequentere und kontinuierlichere Planung. So hätte es in der jüngeren Vergangenheit viele Projekte und Ideen gegeben, wie es mit dem ÖPNV in Essen weitergehen sollte, die aber letztendlich auch aus Geldmangel oft gescheitert seien. Ein Unternehmen wie die EVAG braucht jedoch eine gewisse Zeit und verlässliche Aussagen, um sich den Aufgaben und Anforderungen erfolgreich stellen zu können.

Burkhard Kowitz, Polizeidirektor und zukünftiger Leiter der Verkehrsdirektion des Polizeipräsidiums Essen, plädiert hinsichtlich der Projekte, die im Rahmen der Verkehrssicherheit durchgeführt werden, für mehr Nachhaltigkeit. Er bemängelt, dass die Vielzahl der Projekte nicht von Wirkungsanalysen begleitet werden, anhand derer man feststellen kann, ob die zahlreichen Maßnahmen die gewünschte Wirkung, nämlich weniger Verkehrsunfälle,  herbeigeführt haben. Dafür muss man die Projekte und Maßnahmen zeitlich und örtlich begrenzen, um eine gesicherte Messbarkeit zu gewährleisten. Darüber hinaus ist es ihm ein großes Anliegen, dass sich die Stadt und die Polizei verstärkt der Verkehrssicherheit der Kinder annimmt. Doch nimmt er besonders die Eltern in die Pflicht, die für eine erhöhte Kindersicherheit im Straßenverkehr eine Vorbildfunktion einnehmen müssen.

Über 100 verschiedene Projekte in Essen hat Bernd Albers, Verkehrsfachberater der Stadt Essen, zum Thema Verkehrserziehung mit vielen Essener Schulen durchgeführt. Auch als Mitglied der Verkehrswacht Essen ist er tätig und verwies in der Diskussion auf die vielfältigen Aktionen der Essener Verkehrswacht, die dafür sogar einen Preis bekommen habe. Gleichzeitig sieht er, dass die Nachbarstadt Bochum, in der er ebenfalls aktiv ist, deutlich weniger Aktionen, dabei aber eine bessere Unfallbilanz vorweisen kann und stellte daher die Frage in den Raum, woran das liegen könnte. Er schlägt vor, sich auf diejenigen Stellen im Stadtgebiet zu konzentrieren, an denen Probleme aufgetaucht sind, um noch gezielter tätig zu werden. Ebenso wie Evelin Unger-Azadi weist er darauf hin, dass aus seiner Erfahrung vor allem die langfristig angelegten Projekte zu messbaren und vielversprechenden Ergebnissen führen.


Dr. Horst Zierold

Andreas Köhne

Prof. Dr. Maria Limbourg

Dipl.-Ing. Evelin Unger-Azadi

Jürgen Schroer

Nils Hoffmann

Burkhard Kowitz